Die Interviewreihe im A.B.S. Blog:
Andreas Draxler trifft Thomas Bravo: Wie gut ist die Stimmung wirklich?

Die vergangenen Geschäftsmonate haben einiges von österreichischen Unternehmen abverlangt. Nun sind bereits mit Ende Juni auch jegliche Abgabenstundungen der österreichischen Finanz-und Gesundheitskassen ausgelaufen, sowie die ausgesetzte Insolvenzantragspflicht bei Überschuldung. Zugleich lief im Nachbarland Deutschland der staatliche Schutzschirm für Kreditversicherungsgesellschaften aus. Nebeneffekte? Bislang keine!

Weder konnte ein drastischer Anstieg an Insolvenzen, noch die befürchtete Welle an Aufhebungen des Versicherungslimits beobachtet werden. Ganz im Gegenteil: Der Wirtschaftsindex hat jüngst sogar das Vorkrisenniveau erreicht, einige Unternehmen berichten von teils übervollen Auftragsbüchern, Preissteigerungen aufgrund von Personal- und Rohstoffmangel. Doch nicht überall entfaltet sich diese Dynamik: In der Güterproduktion und der Bauwirtschaft beispielsweise, ließen die Zuwächse aufgrund von Produktionshemnissen weiter nach.

Andreas Draxler, Vorstand der A.B.S. Factoring AG, hat sich mit Thomas Bravo, Vorstand des Bundesverbands Credit Management Österreich getroffen und ihn nach einem Update zur Risikoentwicklung gefragt. Welchen Erfahrungen begegnet der Finanzexperte aktuell am Markt?

Herr Bravo, als Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Credit Management Österreich (BvCM) haben Sie täglich Einblick in ein breitgefächertes Netzwerk. Aktuell wird viel von Rohstoffknappheit, Preissteigerungen, Aufhol- und Rebound Effekten berichtet. Wie bewerten Sie die momentane Lage in Hinblick auf Branchenrisiken & -entwicklungen?

Thomas Bravo: Wie globalisiert die Wirtschaft heute ist, zeigt uns gerade eindrucksvoll die Corona-Pandemie, die beginnend als Gesundheitskrise mit unheimlicher Dynamik eine wirtschaftliche Krise auslöste, mit langanhaltenden Auswirkungen gerade im Bereich der Lieferketten. Als BvCM Österreich stehen wir daher in ständigem internationalem Austausch mit anderen Kollegen der Federation of European Credit Management Association (FECMA). Ich möchte hier aber nur einen kurzen Abriss zu unserer Einschätzung zur Region Österreich geben. Der Aufschwung hat bereits eingesetzt, weitere Aufholeffekte sind mitunter aber auch von der zukünftigen Impfbereitschaft und dem Verhindern von weiteren Wellen und Lockdowns stark abhängig. Im Allgemeinen sehen wir aber die Situation bei den Branchen Dienstleistung, Tourismus, Transport, Logistik, Textil und Automotiv angespannt, wobei es auch in diesen Bereichen einzelne Unternehmen gibt, welche die Krise hervorragend bewältigen. Die Gründe für die angespannte Situation in den genannten Branchen sind mannigfaltig. Sind Dienstleistungen z.B. aufgrund von „körpernahen Tätigkeiten“ nicht möglich, so verhindern Reisewarnungen und hohe Infektionszahlen in bestimmten Regionen den Tourismus. Die Verknappung von Rohstoffen und Halbleitern, aber auch Corona bedingt gesperrte Häfen treffen u.a. Handels-, Logistik- und produzierende Unternehmen. Erschwerend hinzu kommt, dass die Wenigsten vor 1 Jahr mit so einem schnellen Rebound gerechnet haben. Unternehmen waren gezwungen Kurzarbeit anzumelden, die Produktionen wurden heruntergefahren. Diese durch Kurzarbeit verringerte Produktionstätigkeit bremst wiederum andere Branchen, welche von Corona wirtschaftlich nicht so stark betroffen waren.

Ein Beispiel aus der Praxis: Bauunternehmen

Gerade vor kurzem hat mir ein Geschäftsführer eines Bauunternehmens sein Leid geklagt, dass sein Unternehmen die Arbeiten auf manchen Baustellen stoppen muss, weil gewisse Baustoffe nicht geliefert werden können. Sein Lieferant stammt aus Österreich, war mehrere Monate in Kurzarbeit, die Baustellen wurden aber weiterbetrieben. Der Zulieferer kann jetzt die mehrmonatige Lücke durch die verminderte Produktion während der Kurzarbeit nicht rasch schließen. Zwar könnte der Lieferant die Maschinenauslastung erhöhen, dadurch mehr produzieren und schneller die Lücke schließen, jedoch fehlen ihm dazu die notwendigen Mitarbeiter. Hier bremst der Arbeitskräftemangel zusätzlich die weitere Wachstumsdynamik. Positive Entwicklungen sehen wir im Informations- und Kommunikationssektor – speziell im Bereich Medienkonsum und Elektronik, aber auch in den Bereichen Bau, Lebensmittel und Papier. Stärkeres Wachstum im Bau wird aber durch die bereits erwähnten Punkte gebremst.

So weit so gut. Das dritte Quartal 2021 neigt sich nun langsam aber sicher dem Ende zu… Am 30.06.2021 sind die Abgabenstundungen der österreichischen Finanz- und Gesundheitskassen ausgelaufen, sowie die ausgesetzte Insolvenzantragspflicht bei Überschuldung. Der Rettungsschirm bleibt aber weiterhin gespannt – mit dem Ausfallbonus II. Was bedeutet das konkret?

Thomas Bravo: Das bedeutet konkret, dass Firmen, welche staatliche Hilfen in Anspruch nehmen, nicht den Anschluss verlieren dürfen und die derzeitige positive Dynamik der Konjunkturerholung nutzen sollten, um wieder durch die eigene Geschäftstätigkeit „überlebensfähig“ zu werden und wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. „Long Covid“ sollte ausschließlich dem Gesundheitssektor vorbehalten bleiben und nicht die Wirtschaft bzw. die Unternehmen erfassen.

Die Pain Points kleiner und mittlerer Unternehmen werden also verschärft. Viele akute Soforthilfen zu Beginn der Krise müssen nun wieder zurückgezahlt werden, insbesondere die Unternehmen, die zum Zeitpunkt der Antragstellung teilweise höhere Liquiditätsengpässe für den Förderzeitraum prognostiziert hatten, als letztlich eingetreten sind. Was wäre Ihr dringender Appell an alle klein- und mittelständischen Betriebe, die nun vor Rückzahlungen stehen?

Thomas Bravo: Um Liquiditätsengpässe durch Rückzahlungen zu vermeiden, sollte als akute Sofortmaßnahme unbedingt unverzüglich Kontakt mit der Förderstelle aufgenommen werden. Eventuell kann man eine vernünftige Ratenzahlungsvereinbarung abschließen und dadurch gleich etwas Druck aus der angespannten Liquiditätssituation nehmen. Als nächstes sollte mit der Hausbank die gesamte Situation offen und ehrlich besprochen werden, um nicht eine mögliche Zahlungsunfähigkeit aufgrund von reduzierten Kreditlinien zu riskieren. Unterlagen oder unterjährige Abschlüsse, welche eventuell negative Entwicklungen zeigen, dürfen nicht aufgrund etwaiger Befürchtungen zurückbehalten, sondern müssen unbedingt offengelegt und argumentiert werden. Sobald die Liquidität für die erste Phase gesichert ist, müssen Unternehmen das in Forderungen gebundene Kapital rasch freisetzen respektive die Forderungslaufzeiten verkürzen.

Das hört sich jetzt sehr technisch und komplex an, in Wahrheit geht es aber „nur“ darum, dass man die Kunden zu einer schnelleren bzw. fristgerechten Zahlung bewegt, um Geld auf sein eigenes Konto zu bekommen und dadurch die Liquidität zu verbessern. Dies kann durch ein konsequentes Mahnwesen, Zahlungszielverkürzungen oder Skontovereinbarungen erreicht werden. Mittel- bis langfristig sollte geprüft werden, ob nicht mehr für den Betrieb unbedingt notwendiges Anlagevermögen verkauft werden kann. Durch den Verkauf von Maschinen, Fahrzeugen,… können wieder Zahlungsströme generiert werden.

Wenn finanzielle Reserven nicht mehr ausreichen, gerät schnell eine Abwärtsspirale in Gang, an deren Ende oftmals die endgültige Zahlungsunfähigkeit steht. Haben Sie konkrete Tipps, was Unternehmerinnen und Unternehmer tun können, um die Handbremse zu ziehen?

Thomas Bravo: Zu den bereits genannten Maßnahmen kann die Leistungserbringung auf Basis von Vorauszahlungen vereinbart werden, viele Kunden lehnen dies aber ab. Eine weitere Möglichkeit, sofern dies im Unternehmen noch nicht gemacht wird, ist die Abstimmung der Zahlungsziele des Lieferanten mit denen der eigenen Kunden. Sind die Zahlungsziele bei meinen Kunden länger als die bei meinen Lieferanten, generiert man daraus künstlich eine Liquiditätslücke. Bei Unternehmen, bei denen der Einkauf aufgrund des geringen Volumens eine untergeordnete Rolle spielt, hat eine Optimierung weniger positive Auswirkung.

Sofort Geld auf das Konto, unabhängig der Zahlungsziele, bringt Factoring!

Thomas Bravo: Neben der schnellen Beschaffung von liquiden Mitteln, können durch Factoring Unternehmen auch das Ausfallrisiko auf den Factor übertragen. Forderungsausfälle sind ein häufiger Grund für Insolvenzen, mit Übertragung dieses Risikos ist das eigene Unternehmen vor einer Insolvenz besser geschützt. Darüber hinaus prüft der Factoring-Partner laufend die Bonität der Kunden und informiert das leistende Unternehmen über Veränderungen im Rating. Neben der Finanzierungsfunktion und der Übertragung des Ausfallsrisikos ein weiterer Vorteil von Factoring.

Vorteile kennenlernen!

Stichwort Forderungen: Als Leiter Finanz- und Rechnungswesen der I.K. Hofmann GmbH sind Sie spezialisiert auf das Forderungsmanagement. Was sind die häufigsten Fehler, die Sie in Unternehmen beobachten? Wo sehen Sie die größten Lücken?

Thomas Bravo: Die häufigsten Fehler, gerade im Bereich der KMU´s, sind falsche Rechnungslegungen, welche nicht §11 Umsatzsteuergesetz entsprechen (Merkmale/Inhalte einer Rechnung). Bei falscher Rechnungslegung verweigert ein Kunde die Zahlung, weil dieser sonst den Vorsteuerabzug verliert. Nicht selten wird auch viel zu spät fakturiert. Nach Abschluss der Leistungserbringung sollte unverzüglich die Rechnung an die Kunden übermittelt werden. Weiters wird häufig verspätet, nicht regelmäßig oder gar nicht gemahnt. Mahnungen werden als etwas Negatives betrachtet und viele Unternehmen sind der Meinung, dass sie durch ein konsequentes Mahnwesen ihre Kunden verlieren, dem ist grundsätzlich aber nicht so. Sollte ein Kunde negativ auf Mahnschreiben reagieren, besteht die Möglichkeit, diesen einfach telefonisch zu kontaktieren und nachzuhaken. Ein freundliches Nachfragen, ob dieser die Rechnung auch wirklich erhalten hat und die erbrachte Leistung in Ordnung war, kann nicht nur den Zahlungseingang beschleunigen, sondern im besten Fall sogar die Kundenbeziehung stärken und konstruktives Feedback einbringen. Häufig beobachte ich mangelnde Diversifikation im Kundenportfolio – Klumpenrisiko aufgrund weniger Kunden mit großem Auftragsvolumen-, gerade bei kleineren Unternehmen. Hier schmerzt eine Kundeninsolvenz stark und kann die eigene Existenz gefährden. Bei Kunden mit großem Auftragsvolumen sollte die Bonität regelmäßig überprüft werden, um nötigenfalls bei Bonitätsverschlechterung die Geschäftsbeziehung rechtzeitig beenden zu können.

Herr Bravo, in 3 Stichworten: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Fremdkapitalfinanzierung der Zukunft aus?

Thomas Bravo: Individuell – Flexibel – Transparent! 😉

Vielen Dank für das Interview!

Zur Person

Thomas Bravo ist Leiter Finanz- und Rechnungswesen der I.K. Hofmann GmbH und als Vorstand im BvCM Österreich tätig. Er weist über 10 Jahre Erfahrung im Credit- und Forderungsmanagement auf und wechselte vor 6 Jahren von einer großen Regionalbank zu Hofmann Personal, mit 5.000 Mitarbeitern und 220 Millionen Umsatz (vor Corona) einem der größten Personaldienstleistungsunternehmen in Österreich.

Zum Verband

Der BvCM ist der Bundesverband der Credit Manager in Österreich. Er vertritt die Interessen seiner Mitglieder und steht als kompetenter Ratgeber für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft im Bereich Credit Management zur Verfügung. Der Verband verfolgt das Ziel, die Bedeutung und den Nutzen des Credit Managements für den Unternehmenserfolg hervorzuheben und das Berufsbild zu einem selbstverständlichen Bestandteil in der österreichischen Wirtschaft zu entwickeln. Als Mitglied der Federation of European Credit Management Association (FECMA) bietet der BvCM seinen Mitgliedern den Informations- und Erfahrungsaustausch in einem internationalen Netzwerk an.

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