Die Interviewreihe im A.B.S. Blog:
Andreas Draxler trifft... Thomas Tiroch: Wie Private Equity und Venture Capital zur Entwicklung im österreichischen Kapitalmarkt beitragen

Auch im Jahr 2021 ist Österreich weiterhin ein Fremdkapitalland. Werden die finanziellen Mittel im Unternehmen knapp, greifen viele Unternehmerinnen und Unternehmer noch auf den klassischen Weg zur Hausbank zurück. Auf Tradition zu setzen ist zwar gut – Innovation langfristig jedoch unvermeidbar! Fakt ist: Die Krise hat weitgehende Spuren in der Finanzierungsstruktur hinterlassen und dabei die gängigen „Spielregeln“ der Kapitalbeschaffung auf den Kopf gestellt. Wie sieht die aktuelle Situation am österreichischen Finanzmarkt aus? Welche Maßnahmen haben sich für KMU als robust erwiesen und welche wichtigen Player zapfen aktuell den Kapitalmarkt an?

Um genauere Einblicke in die Wirtschaftsstruktur österreichischer Unternehmen zu erhalten, haben sich die Experten Andreas Draxler, Vorstand der A.B.S. Factoring AG und Thomas Tiroch, Geschäftsführer des Dachverbandes AVCO, in einem Gespräch ausgetauscht.

Andreas Draxler: Herr Tiroch, mit dem Dachverband AVCO verfolgen Sie ein grundlegendes Ziel: Die Schaffung eines funktionierenden und wachsenden Kapitalmarkts, um den Innovations- und Wirtschaftsstandort Österreich zu stärken. Was dürfen wir uns konkret darunter vorstellen?

Die AVCO (Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation) ist der Dachverband der österreichischen Beteiligungskapitalindustrie. Mit unserer Vision 2025, erstellt mit AAIA und AustrianStartups, zur Sicherung und zum Ausbau des unternehmerischen Wachstums, wurden einige unserer Vorschläge ins aktuelle Regierungsprogramm übernommen. Das freut uns sehr! Diese sowie weitere von uns erarbeitete Eigenkapital-Konzepte stellen einige Möglichkeiten vor den Wirtschaftsstandort Österreich zu stärken.

Große Hebel liegen darin, bessere Rahmenbedingungen für institutionelle und private InvestorInnen zu schaffen. Es muss uns gelingen, dass auch Pensionskassen, Versicherungen und Stiftungen in unternehmerisches Wachstum und Innovation investieren.

Außerdem sollte ein regulatorisches Umfeld geschaffen werden, in dem sich mehr Wagniskapitalfonds ansiedeln, denn ein entwickelter Kapitalmarkt zieht innovative Unternehmen an und die Umwegrentabilität für Österreich wäre signifikant.

Andreas Draxler: Hört sich spannend an. Wie bewerten Sie die Entwicklungen der letzten Monate in ihrer Branche – wo sehen Sie Chancen, wo mögliche Risiken?

Österreich verfügt über einen unterentwickelten Kapitalmarkt. Historisch besteht eine sehr hohe Abhängigkeit der Unternehmen vom Bankensektor. Dabei würden umfangreichere Zugänge zu Kapital Innovation und Wachstum hierzulande fördern.

Besonders nach Wirtschaftskrisen erholen sich erwiesenermaßen Länder mit hoch entwickelten Kapitalmärkten deutlich schneller. Deshalb unterstützen wir ganz bewusst die Entwicklung und den Ausbau des börslichen aber auch des vorbörslichen Kapitalmarktes.

Die derzeitige Situation bietet aber gleichzeitig auch die Chance, bessere Rahmenbedingungen für InvestorInnen und UnternehmerInnen zu schaffen. Außerdem bietet sie uns die Möglichkeiten, die Vorteile von Eigenkapital-Finanzierungskonzepten noch klarer zu formulieren und verständlicher zu erklären.

Andreas Draxler: Die intensiven Gespräche mit Unternehmerinnen und Unternehmern zeigen, dass der klassische Weg zur Hausbank zwar oft der erste Schritt ist. Die Praxis zeigt aber: Dieser alleine reicht nicht immer aus. Alternative Finanzierungskonzepte können hier ein wahrer Game-Changer sein. Venture Capital und Factoring können sich ja beispielsweise wunderbar ergänzen, oder?

Absolut! Liquidität ist der Sauerstoff jedes Unternehmens und Factoring ist in vielen Fällen eine optimale Ergänzung.

Doch nicht nur Frühphasenfinanzierungen und Venture Capital stehen dabei im Vordergrund. Der vielleicht wichtigste Aspekt von Private Equity ist oft unterrepräsentiert, nämlich die Finanzierung des Mittelstands und der KMUs. Das betrifft etwa die Erweiterung von Produktionsstandorten, internationale Expansionen oder Nachfolgeregelungen. Die Anwendungsbereiche sind breit und beschäftigen unzählige Unternehmen.

Private Equity Fonds sind Partner auf Zeit, die mehr als nur Eigenkapital beisteuern. Zusätzlich werden unternehmerische Erfahrung und spezifisches Industrie Know-how eingebracht. Kurz: Eigenkapital lässt Unternehmen langfristig planen und vermeidet Abhängigkeiten.

Andreas Draxler: Tatsächlich runden Private Equity und Factoring den Finanzierungsmix nachhaltig ab! Factoring kommt ja immer dann ins Spiel, wenn das Unternehmen bereits über einen gesicherten Kundenstamm verfügt. Dabei ist der Netzwerkgedanke für uns immer vordergründig. Bietet die AVCO neben der Finanzierungsexpertise auch zusätzliche Add-Ons für Unternehmen an?

Die Servicierung unserer Mitglieder steht für uns an oberster Stelle. Vor allem der Austausch unter den Mitgliedern ist uns wichtig. Ziel ist es, die relevanten Player entlang der Finanzierungskette (Frühphase, Wachstumsfinanzierung, Unternehmensnachfolgen bis hin zum Börsengang) an einen Tisch zu bringen und gemeinsame Themen voran zu treiben.

UnternehmerInnen können als Mitglieder direkt von unserem Netzwerk profitieren und haben darüber hinaus die Möglichkeit sich bei unseren Veranstaltungen zu vernetzen. Allen voran unsere jährliche Jahrestagung, dem Flagship Event der VC und PE Industrie, welche dieses Jahr am 6.10. stattfindet. Save the date!

Andreas Draxler: Und jetzt nochmal konkret: Welchen Tipp können Sie Unternehmen auf der Suche nach Kapital mit auf den Weg geben und wie sollen Kapitalgeber dabei agieren?

Start-ups wissen, dass sie ihre Entwicklung ohne Eigenkapital-Partner in den meisten Fällen nicht beschleunigen können und präsentieren sich aktiv. Mittelständische Unternehmen und KMUs haben diese Gedanken oft nicht in ihrer DNA verinnerlicht.

Mein Tipp, bzw. mein Wunsch, wäre es daher Finanzierungspartner als Mitunternehmer zu sehen, die weit mehr als nur Kapital einbringen. Dieses positive und kooperative Mindset ist bei der Kapitalsuche wesentlich.

Über den Dachverband AVCO:

Die AVCO ist der Dachverband der österreichischen Risikokapitalgeber und Corporate Finance Dienstleister. Sie ist als Verein organisiert und fungiert als zentrale Ansprechstelle für alle Fragen zu Private Equity, als aktive Networking-Einrichtung, als Interessensvertretung der österreichischen Beteiligungskapitalindustrie und als Schnittstelle zu internationalen Organisationen. Oberstes Ziel der AVCO ist die Schaffung eines funktionierenden und wachsenden Kapitalmarkts, um den Innovations- und Wirtschaftsstandort Österreich zu stärken.

Zu der Person:

Als Geschäftsführer unterschiedlicher Unternehmen im In- und Ausland konzentrierte sich Thomas Tiroch vor allem auf die Bereiche Organisation, Strategie und Finanzen. Seit mehr als 10 Jahren unterstützt er aktiv Unternehmertum und Kapitalmarkt mit aktiven Unternehmensbeteiligungen von Startups bis hin zu börsennotierten Gesellschaften. Seit 2021 ist er Geschäftsführer der AVCO (Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation), dem Dachverband der österreichischen Risikokapitalgeber und Corporate Finance Dienstleister. Davor war er von 2016 bis 2021 Mitglied des AVCO Vorstands

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